

Wie könnte eine amerikanische Nationalmusik klingen? Dvořák gelingt eine atemberaubende Klangschöpfung. Spinosi kombiniert das Meisterwerk mit Haydns zweitem Cellokonzert und der Orchesterfassung eines beethovenschen Streichquartetts.
Elegisch träumend schwebt das berühmte Englischhorn-Solo im zweiten Satz von Dvořáks Neunter über den ruhigen Orchesterklängen. Sie entführt in eine ferne Welt und erzählt vom Indianerhäuptling Hiawatha, der um seine verstorbene Gefährtin trauert. 1892 erhält Dvořák vom New Yorker Konservatorium einen spannenden Auftrag: Er solle einen amerikanischen Nationalstil entwickeln. Eifrig macht er sich auf die Suche und studiert die Musiktraditionen der indigenen Völker und afroamerikanische Spirituals. Das Ergebnis ist eine erstaunliche Mischung aus exotischer Pentatonik, synkopischen Rhythmen und böhmischer Volksmusik, die in europäisch-symphonischer Form zu einer einheitlichen Klangschöpfung verschmelzen.
Beethovens letzte vollendete Komposition entsteht inmitten einer turbulenten Zeit. Gerade konnte ein Suizidversuch seines Neffen verhindert werden. Ein Skandal! Um Schutz und Ruhe zu finden, verbringen sie einige Zeit zusammen in einem abgelegenen Waldschlösschen. Dort findet Beethoven endlich die Muße, sein Streichquartett fertigzustellen. Im letzten Satz verarbeitet er ein Motiv seines Kanons „Es muss sein“. Darin macht er scherzhaft seinem Ärger über einen Wiener Mäzen Luft, der nicht einsieht, warum er für Streichquartettnoten eine Gebühr zahlen solle: „Muss das sein?“
Jean-Christophe Spinosi, Spezialist für Alte Musik, hat das Mannheimer Publikum 2016 mit einer Symphonie von Joseph Haydn begeistert. Dessen zweites Cellokonzert ist Antonín Kraft gewidmet, Cellist in der Hofkapelle Fürst Esterházys. Außergewöhnlich ist die lyrisch-kantable Melodiegestaltung – inspiriert von Haydns erstem Austausch mit Mozart. Die filigrane Solostimme ist wie geschaffen für Steven Isserlis, der zuletzt 2022 mit Dvořáks Cellokonzert in Mannheim zu Gast war.





