Architektur und Musik

Architektur und Musik sind eng verknüpft. Der Frankfurter Architekt Malte Just, Spross einer Musikerfamilie, nimmt uns mit in die Welt der Raumakustik, der Teamarbeit und der faszinierenden ästhetischen Erlebnisse mit Musik im Raum.
Architektur tanzen?
“Trying to explain music is like trying to dance architecture.”
Thelonious Monk (1917–1982)

Igor Levit (* 1987) postete dies kurz nach seinem Auftritt in der Frankfurter Alten Oper im Januar 2023 auf Instagram. Die Antwort einer Followerin spiegelt das Unerklärbare, aber Spürbare wider: „Als Architektur­- studentin habe ich bei der Besichtigung einer Villa von Le Corbusier eine studentische Tanzgruppe getrof- fen, die das Gebäude in ein Ballett umsetzen wollte. Sie haben auf dem Rasen vor der Villa die Küche, das Bad und das Wohnzimmer betanzt. Was soll ich sagen: Es war unglaublich, ich habe das nie vergessen.“
Bauen und Bauten
Architektur kann man offenbar doch tanzen und Musik trotz Monks Axiom wohl auch erklären. Ich möchte Sie auf eine kleine Reise mitnehmen, um zu zeigen, wie die beiden Künste aus Sicht eines Architek- ten untrennbar zusammenhängen. Keine ambitionierte Konzerttätigkeit ohne Konzertsaal – sehen wir einmal von gelegentlichen Platzkonzerten ab. Doch was sind das für Häuser, diese Konzerthäuser? Sie ent- stehen, wie andere Bauten, im Austausch von Bauherr*innen und Architekt*innen. Aber hier, bei dieser speziellen Bauaufgabe, kommen ­Musiker*innen, Komponist*innen und Akustiker*innen als unverzichtbare Partner hinzu.

Für mich ist Hans Scharoun (1892–1972) ein herausragender Meister dieses Metiers. In Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Herbert von Karajan (1908–1989) gelang es ihm, das prototypische Konzerthaus unserer Epoche zu bauen, die Berliner Philharmonie (1963). Auf deren Schultern steht noch die 2017 eröffnete Elbphilharmonie von Jacques Herzog (* 1950) und Pierre de Meuron (* 1950). Scharoun war ein musikalisch gebildeter Mensch. Er verglich seine Werke gern mit Musik. Er sprach von Symphonien aus Raum, Material, Farbe und Licht, durch die man sich bewege. Das von Scharoun entwickelte Konzept war 1963 revolutionär, beispiellos. Dabei war es doch nur die kon­sequente Umsetzung seines Prinzips „Musik im Mittelpunkt“. Der Raumklang wurde in engster Abstimmung mit dem Akustiker und Elektrotechniker Lothar Cremer (1905–1990) gelöst.

Schauen wir auf die andere Seite der Welt, begegnet uns ein ebenfalls großartiger Architekt, dessen Projekt kosten- und zeitmäßig völlig aus dem Ruder lief. Doch es steht heute für Konzertkultur, für Sydney als Stadt und für Australien als Staat. Ein Konzerthaus als Symbol eines Kontinents! Da sind auch Bauzeit und Kosten verschmerzbar. Die Sidney Opera Jørn Utzons (1918–2008) ist das emblematische Bespiel für das skulpturale Verständnis eines Konzerthauses. Sie ist eine Stadt in der Stadt. Nach 14 Jahren Bauzeit stehen dort seit 1973 rund 100 Räume zur Verfügung: zahlreiche Konzertsäle, fünf Probestudios, ein Kino, 60 Umkleideräume, vier Restaurants, sechs Bars und zahlreiche Andenkenläden.
Um den kleinen Reigen bemerkenswerter Konzerthäuser abzuschließen, möchte ich kurz auf das Richard-­Wagner-Festspielhaus in Bayreuth eingehen. Archi­tektonisch handelt es sich keineswegs um ein Meisterwerk. Aber die Tatsache, dass es in den Jahren 1872–75 von Otto Brückwald (1841–1917) nach Entwürfen des Komponisten Richard Wagner (1813–1883) errichtet wurde, ist mehr als bemerkenswert. Dieses Haus ist nur für einen einzigen Klang gebaut, eben denjenigen, den Wagner erschaffen hatte und dort hören wollte. Dieses Haus ist daher eher als Klangkör- per im Sinn eines Musikinstruments zu verstehen.
Wie interagiert Musik
mit Raum?
Der Architekt Daniel Libeskind (* 1946) entschied sich nach dem Besuch von Musikakademien in Tel Aviv und New York für das Studium der Baukunst. Er vertritt daher beide Professionen. Libeskind schrieb: „Ich möchte Sie daran erinnern, dass die Mechanismen des Ohres, wie die Schnecke und das übrige Innen- ohr, sowohl Sitz des Gleichgewichtssinnes als auch des Hörsinnes sind; auch die räumliche Wahrnehmung findet im Innenohr statt. Und wie Sie wissen, wird die Schwerkraft zwischen Klang und Materie ausba­lanciert.“ Raumwahrnehmung entsteht aber nicht allein in den Ohren, sondern auch mit anderen Sinnen, wie den Augen und dem Tastsinn. So formt sich ein Gesamtbild zum Klang. Ein Konzert wird daher im Fall einer Übertragung in einen anderen Raum stets anders als im Originalraum empfunden, selbst wenn der Klang akustisch sehr ähnlich simuliert wird. Ein weiterer Aspekt für den Klang des Raumes sind seine Form, seine Ausdehnung und seine Materialität. Der Klangeindruck beim Zuhörer wird durch den Direktschall und die ersten Wand- und Deckenrefle­xionen geprägt. Ob diese holzvertäfelt, aus Klinker oder textilüberzogen sind, ändert den Klang substan- ­ziell. Auch spielt die Verortung der Klangquellen im Raum eine große Rolle für das Klangerlebnis. Ist die Bühne in der Mitte des Raums mit gleichmäßigen Abständen zum Publikum verortet, oder ist sie eher am Ende des Raums angeordnet? Dementsprechend muss der Raum um sie herum gegliedert und aktiviert sein.
Das Entwerferteam
eines Konzerthauses
Die vielen komplexen Ebenen der Schallausbreitung, seines Nachhalls und seiner Reflexion sind eine Wissenschaft für sich, welche Akustikingenieur*innen gemeinsam erarbeiten und dann in das Gestaltungskonzept überführen. Selbst das Publikum mit seiner Bewegung und dem Material, das es an sich trägt, ist ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Bemes­sung der Raumakustik. Ich erinnere mich an einen Besuch im Atelier Frank Gehrys (* 1929) während meines Studiums in der Zeit, als dieser die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles entwarf. Neben dem puppenstubenhaften Charakter des Architekturmodells faszinierte mich, dass das Publikum mit kleinen Elementen, die mit Haaren und Filz gespickt waren, im Modell präsent war, um bereits in diesem frühen Stadium die Akustik des gefüllten Saales stets mit bedenken zu können.

Das Zusammenspiel zwischen dem Musiker, in Scharouns Fall Herbert von Karajan, dem Architekten und dem Akustiker, ist jedenfalls der Schlüssel zum Erfolg. In diesem Team kann entschieden werden, wie weich, wie klar, wie spezifisch ein Klang sein soll, ob die Wände bespannt werden sollen oder z. B. Helmholtz-Resonatoren als Resonanzabsorber eingesetzt werden müssen. Ziel ist dabei ein möglichst gleichwertiger Klang für das Publikum – und dass die Musiker*innen die Musik gut hören können.

Architektur ist vom Prinzip her statisch, vom Selbstverständnis her auf Dauer errichtet. Musik ist vom Prinzip her zeitgebunden und ephemer, vom Selbstverständnis her vergänglich. Nur zusammen ermöglichen sie uns Spitzenleistungen und unvergessliche Erfahrungen von Musik, sei es für die Musiker*innen, die Dirigent*innen, die Komponist*innen oder das Publikum. Hier kann Architektur einer noblen und zugleich schönen Aufgabe nachkommen: ästhetisches Erleben zu ermöglichen.
                                       
von Malte Just

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