GMD Roberto Rizzi Brignoli über "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss

Also sprach Zarathustra von Richard Strauss ist eines jener Werke, die selbst Menschen kennen, die sich sonst kaum mit klassischer Musik beschäftigen – und das liegt nicht nur an seiner berühmten Einleitung. Tatsächlich ist die Tondichtung aus dem Jahr 1896 in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich.

Das Werk basiert lose auf dem gleichnamigen philosophischen Buch von Friedrich Nietzsche. Anders als man vielleicht erwarten würde, „erzählt“ Richard Strauss jedoch keine konkrete Handlung, sondern übersetzt zentrale Gedanken in Musik – etwa Spannungen zwischen Natur und Geist oder zwischen Glaube und Wissen. So entsteht weniger eine Geschichte als vielmehr eine Art klingendes Gedankenexperiment.
Herr Brignoli, würden Sie dieser Sichtweise zustimmen? Wie nähern Sie sich diesem Werk als Dirigent, und was ist Ihnen in der Gestaltung mit dem Orchester besonders wichtig?
©Miina Jung
"Strauss lässt sich von Nietzsche inspirieren, ohne dessen Gedanken didaktisch „illustrieren“ zu wollen; stattdessen verwandelt er sie in ein offenes, beinahe philosophisches Klangerlebnis."

Ich stimme dieser Perspektive im Wesentlichen zu: Bei Strauss gibt es keine lineare Erzählung, sondern vielmehr eine Reihe von Bewusstseinszuständen. Er lässt sich von Nietzsche inspirieren, ohne dessen Gedanken didaktisch „illustrieren“ zu wollen; stattdessen verwandelt er sie in ein offenes, beinahe philosophisches Klangerlebnis. 

Als Dirigent entspringt mein Ansatz genau dieser Ambivalenz: Ich versuche nicht, eine einzige Interpretation aufzuzwingen, sondern die Spannungen innerhalb der Partitur hervorzuheben. Für mich ist es wesentlich, mit Kontrasten zu arbeiten – Licht und Schatten, Stille und Dynamik, Materie und Transzendenz –, denn dort erwacht das Werk zum Leben. Der so ikonische Anfang ist nicht einfach nur grandios: Er ist eine Geburt, eine Öffnung zu etwas Unbekanntem, und er muss sowohl feierlich als auch geheimnisvoll sein. 

Mit dem Orchester strebe ich nach großer Flexibilität im Klang. Diese Partitur erfordert eine äußerst präzise Kontrolle von Dynamik und Klangfarben, aber auch die Fähigkeit, eine beinahe improvisatorische Dimension entstehen zulassen, als ob die Musik im Moment ihres Entstehens gedacht würde. Anstatt Nietzsche zu „erklären“, möchte ich einen Raum schaffen, in dem der Hörer sich selbst hinterfragen kann, so wie es beim Lesen des philosophischen Textes geschieht.
©Sumo Sebi

Strauss und "A Space Odyssey"

Berühmt ist vor allem der monumentale Anfang, oft „Sonnenaufgang“ genannt: Ein tiefes Orgelpedal und ein mächtiger C-Dur-Akkord bauen eine gewaltige Klangarchitektur auf, die sich langsam entfaltet. Diese wenigen Takte sind so prägnant, dass sie später durch den Film 2001: A Space Odyssey weltweite Popkultur-Bedeutung erlangten. Doch das Werk besteht aus weit mehr als diesem ikonischen Moment. 

Ein besonderer Reiz liegt in der musikalischen Struktur. Strauss gliedert das Stück in mehrere Abschnitte mit philosophisch inspirierten Titeln wie „Von der Wissenschaft“ oder „Das Tanzlied“. Dabei kontrastiert er immer wieder unterschiedliche Klangwelten: streng fugierte, fast „gelehrte“ Passagen stehen neben ekstatischen, tänzerischen oder geradezu rauschhaften Momenten. Diese Gegensätze spiegeln die Spannungen in Nietzsches Denken wider.

Harmonisch geht Strauss ebenfalls weit: Das Werk bewegt sich ständig zwischen verschiedenen Tonarten und vermeidet eine klare, endgültige Auflösung. Besonders auffällig ist das Nebeneinander von C-Dur und H-Dur am Ende – zwei Tonarten, die eigentlich nicht „zusammenpassen“. Dieses offene, schwebende Schlussbild wird oft als musikalische Darstellung einer unbeantworteten philosophischen Frage gedeutet: Es gibt kein einfaches Fazit, keine eindeutige Wahrheit. 

Auch orchestral ist das Stück beeindruckend. Strauss nutzt ein riesiges Orchester mit Orgel, erweiterten Blechbläsern und einer enorm differenzierten Dynamik. Er kann innerhalb weniger Sekunden von fast unhörbarem Pianissimo zu überwältigender Klanggewalt wechseln. Gleichzeitig beweist er ein feines Gespür für Klangfarben – etwa in den solistischen Passagen für Violine oder Holzbläser. 

Was Also sprach Zarathustra letztlich so besonders macht, ist diese Verbindung aus philosophischem Anspruch, klanglicher Radikalität und unmittelbarer Wirkung. Es ist Musik, die sowohl intellektuell herausfordert als auch emotional überwältigt – und gerade dadurch bis heute fasziniert.
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