2. Akademiekonzert - 16./17. November 2026
Kaum ein Werk verbindet Abschied und Aufbruch so eindringlich wie Gustav Mahlers Neunte Symphonie. In ihrer emotionalen Intensität und ihrer ungewöhnlich freien Tonsprache öffnet sie bereits den Horizont der Musik des 20. Jahrhunderts. Anja Bihlmaier, die zum zweiten Mal bei der Musikalischen Akademie Mannheim zu Gast ist, widmet sich mit dem Nationaltheater-Orchester diesem außergewöhnlichen Vermächtnis.
© Marco Borggreve                                
Wenn Anja Bihlmaier zum zweiten Mal bei den Akademiekonzerten gastiert, steht mit Gustav Mahlers Symphonie Nr. 9 ein Werk auf dem Programm, das die spätromantische Symphonik an ihre Grenzen führt und zugleich neue musikalische Wege eröffnet. Die international gefragte Dirigentin war von 2021 bis 2025 Chefdirigentin des Residentie Orkest in Den Haag, seit September 2024 ist sie Erste Gastdirigentin des BBC Philharmonic. In ihrer Arbeit verbindet sie klare musikalische Vorstellungen mit einem ausgeprägten Gespür für Klangfarben und dramatische Zusammenhänge. 

Nach der Achten, in der Gustav Mahler Chor und Solostimmen in bis dahin kaum gekannter Dimension einsetzte, kehrte er mit der 1909 vollendeten Neunten zur rein instrumentalen Symphonie zurück. Im Mittelpunkt steht nun das Orchester, dessen Klangfarben Mahler auf vielfältige Weise nutzt. Die vier Sätze führen durch sehr unterschiedliche musikalische Welten: Der erste Satz verbindet weit gespannte Melodien mit harmonischen Wendungen. Im zweiten Satz werden ländliche Tänze aufgegriffen, allerdings in einer gebrochenen, mitunter derben Gestalt. Der dritte Satz, eine Rondo-Burleske, treibt das musikalische Geschehen in rastlose Bewegung. Virtuose Zuspitzungen und scharfe Kontraste prägen eine Musik, die kaum zur Ruhe kommt. 

Im Finale verändert sich die Atmosphäre grundlegend. Die Streicher tragen eine weit ausschwingende, innige Musik, deren Intensität nicht aus äußerer Dramatik, sondern aus ihrer Zurückhaltung entsteht. Die Melodien scheinen sich immer wieder neu zu sammeln, bevor sie sich schließlich auflösen. Am Ende steht kein triumphaler Abschluss, sondern ein leises Verklingen. 

Häufig wird die Neunte als Mahlers Abschiedssymphonie verstanden. Tatsächlich entstand sie in einer Zeit persönlicher und gesundheitlicher Belastungen. Doch das Werk erschöpft sich nicht in der Vorstellung eines bevorstehenden Endes. Es richtet den Blick ebenso auf die Schönheit des Lebens und die Erfahrung seiner Vergänglichkeit. Mahler führt die symphonische Tradition an ihre Grenzen und öffnet zugleich den Weg in die musikalische Moderne. Dass sich im letzten Satz die Musik beinahe unmerklich zurückzieht, macht dieses Ende so außergewöhnlich. 

Mahlers Neunte zählt zu jenen Werken, die sich mit jeder Aufführung neu erschließen. Ihre Gegensätze, die wechselnden Klangfarben und der ungewöhnliche Schluss lassen unterschiedliche Perspektiven auf eine Symphonie zu, die bis heute nichts von ihrer Ausdruckskraft verloren hat.
Im 4. Akademiekonzert der Musikalischen Akademie Mannheim am 2. und 3. Februar 2026 steht mit Gustav Mahlers Symphonie Nr. 6 eines der eindrucksvollsten Werke der spätromantischen Orchesterliteratur auf dem Programm. Das Nationaltheater Orchester Mannheim spielt unter Leitung von GMD Roberto Rizzi Brignoli im Mozartsaal des Rosengartens.
© Musikalische Akademie
Das Interview von Stefan M. Dettlinger mit Roberto Rizzi Brignoli: Mannheims Generalmusikdirektor über Musik, Kultur und Mut.
Link Mannheimer Morgen
Zum Werk
Mahlers Sechste, häufig als „Tragische“ bezeichnet, zeichnet ein kompromissloses musikalisches Panorama von großer emotionaler Spannweite: Strenge Marschrhythmen, scharf konturierte Kontraste und eine hoch expressive Instrumentation prägen den Charakter der Symphonie. Besonders das Finale mit seinen berühmten Hammerschlägen verdichtet die existenzielle Dramatik des Werkes zu einer eindringlichen Aussage.

Mahler widmete die Symphonie seiner Frau Alma und integrierte darin ein musikalisches Motiv, das er selbst als ihr klangliches Porträt verstand. Umso bemerkenswerter ist Almas zwiespältige Reaktion auf das Werk: Sie empfand dessen Grundcharakter als zu düster, das Andante hingegen als zu schön im Verhältnis zur übrigen Ausrichtung der Symphonie. Verunsichert änderte er mehrfach die Abfolge von Scherzo und Andante – eine Entscheidung, die bis heute Gegenstand musikwissenschaftlicher Diskussionen ist. Für GMD Roberto Rizzi Brignoli ist es eine Premiere: Mit der „Sechsten“ nimmt er sich zusammen mit dem NTO zum ersten Mal eine Mahlersymphonie vor.
 © Musikalische Akademie

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