"Mahler lässt das ganze Leben in seine Musik hinein“


Was macht Gustav Mahlers Neunte Symphonie so einzigartig? Wie nähert man sich als Dirigentin einem Werk von solcher Vielschichtigkeit? Und wie entsteht im Zusammenspiel mit dem Orchester aus musikalischer Vorstellung und dem Augenblick eine Interpretation? Darüber haben wir mit der Dirigentin gesprochen, die beim 2. Akademiekonzert am 16. und 17. November zum zweiten Mal das Nationaltheater-Orchester in Mannheim leiten wird.
© Marco Borggreve
Beim Akademiekonzert am 16./17. November sind Sie bereits das zweite Mal in Mannheim zu Gast. Worauf freuen Sie sich bei der Arbeit mit dem Nationaltheater-Orchester besonders?
 
Ich freue mich auf die Begegnung mit den Musiker:innen, auf den gemeinsamen Arbeitsprozess und darauf miteinander eine musikalische Interpretation zu finden, die uns alle überzeugt und bewegt. Jedes Orchester hat seine eigene Persönlichkeit, seinen eigenen Klang und seine eigene Art, Musik zu erzählen. Gerade bei Malers Neunter ist es faszinierend, diese besonderen Qualitäten gemeinsam zu entdecken und weiterzuentwickeln.

Was macht diese Symphonie für Sie so einzigartig? 

Die Neunte ist ein Werk von unglaublicher emotionaler Tiefe. Sie handelt vom Abschied, aber nicht nur von Trauer und Verlust. Da ist auch eine große Liebe zum Leben, eine ungeheuere Sehnsucht und eine Schönheit, die sich kaum in Worte fassen lässt. Mahler stellt ganz grundsätzliche Fragen, ohne einfache Antworten zu geben. Besonders faszinierend finde ich, wie er zwischen überwältigender Klangfülle, grotesken Momenten und einer geradezu schwebenden Zartheit wechselt. Und dieses Ende: die Musik zieht sich immer weiter zurück, bis fast nichts mehr bleibt, bis sie verlischt. Für mich hat das eine unglaubliche Intensität.

Was fasziniert Sie an Gustav Mahler als Komponist?

Er lässt das ganze Leben in seine Musik hinein. Als Komponist lebte er geradezu den Widerspruch, seine Musik muss nicht alles auflösen: Freude und Verzweiflung, Ironie und tiefer Ernst, das Alltägliche, und das Existenzielle liegen oft unmittelbar nebeneinander. Mich fasziniert auch seine enorme Fantasie der Orchestrierung. Er findet für jede Empfindung eine eigene Klangfarbe, gleichzeitig steckt hinter dieser Vielfalt eine klare musikalische Architektur. Diese Verbindung von emotionaler Unmittelbarkeit und großer kompositorische Konsequenz macht ihn für mich so besonders.

Wie finden Sie Ihren eigenen Zugang zu einem so vielschichtigen Werk? 

Als erstes versuche ich, die Partitur möglichst genau kennenzulernen: ihre Struktur, ihre großen, musikalischen Bögen und die Beziehungen zwischen den einzelnen Stimmen. Es ist, als ob ich eine Landschaft erkunde: Zuerst muss ich die Orientierung finden, dann entdecke ich immer mehr Details, Wege und Zusammenhänge. Aber die Analyse allein reicht nicht, ich muss herausfinden, was diese Musik in mir auslöst und welche Geschichte ich in ihr höre. Daraus entwickelt sich nach und nach meine eigene Vorstellung. Gleichzeitig möchte ich offen bleiben für das, was im gemeinsamen Musizieren mit den Musiker:innen entsteht. Eine Interpretation darf nicht nur die Umsetzung einer vorgefertigten Idee sein, sie muss lebendig bleiben.
© Marco Borggreve
“Es ist, als ob ich eine Landschaft erkunde: Zuerst muss ich die Orientierung finden, dann entdecke ich immer mehr Details, Wege und Zusammenhänge.”

Wie viel entsteht beim Dirigieren aus Planung und wie viel aus dem Moment? 

Beides gehört untrennbar zusammen. Die Vorbereitung ist enorm wichtig: ich muss die Partitur genau kennen und eine klare Vorstellung davon haben, wohin sie sich musikalisch entwickeln soll. Im Konzert selbst geht es dann aber um Kommunikation, ich gebe Impulse, antizipiere was musikalisch geschehen soll und reagiere gleichzeitig auf das Orchester. Manchmal entsteht in einem Moment eine besondere Spannung oder eine neue Klangfarbe, die man nicht vollständig planen kann. Dann muss man bereit sein, drauf einzugehen. Dirigieren ist für mich deshalb ein bisschen wie Theater: wir haben gemeinsam erarbeitet, worum es geht, aber die eigentliche Aufführung ist jedes Mal neu. Diese Mischung aus Präzision, Leidenschaft, Vertrauen und Spontanität macht das Musizieren für mich so aufregend.
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