07. Mai 2020

Interview mit Generalmusikdirektor Alexander Soddy

Das Nationaltheater ist geschlossen, die Spielzeit der Musikalischen Akademie vorzeitig beendet – Herr Soddy, wie empfinden Sie die derzeitige Situation?

 

Es ist eine merkwürdige nie dagewesene, eine schwierige und uns alle vor enorme Herausforderungen stellende Zeit. Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr wie zuvor: Eben haben wir im Rosengarten noch Turangalîla eingespielt und den Erfolg der Richard-Strauss-Tage gefeiert. In der Oper habe ich mich auf Stücke wie Parsifal, Tristan oder Otello vorbereitet – und plötzlich dieser komplette Stillstand. Die derzeitige Situation als neue Realität zu begreifen, fällt mir, das muss ich ganz ehrlich sagen, immer noch sehr schwer. Alle sprechen von „Social Distancing“ – und selbstverständlich liegen Notwendigkeit und Gründe auf der Hand. Für uns Musikerinnen und Musiker, für uns als Orchester bedeutet das jedoch, krass gesagt, den Entzug unserer Arbeitsgrundlage: Es fehlt das gemeinsame Musizieren, die direkte Kommunikation mit dem Publikum, mit dem man sich über die Kunst verständigen will. Bei aller Trauer gilt es jetzt aber auch, die Herausforderung anzunehmen und diese Zeit als Chance zu verstehen, neu zu denken, dazuzulernen und auch als Mensch zu wachsen.

 

Wie verbringen Sie Ihre Zeit?

 

Ich habe immer eine Partitur zur Hand. Zuletzt habe ich mich sehr intensiv mit Tristan beschäftigt – so, als wären wir weiter auf Kurs für die ursprünglich im Juni geplante Premiere am Nationaltheater. Projekte wie Tristan kann man nicht einfach so zur Seite legen, sie arbeiten in einem weiter. Es gibt aber auch positive Nebeneffekte der „Zwangspause“: Ich habe zum Beispiel mehr Zeit zum Lesen, beschäftige mich unter anderem mit den Schriften Schopenhauers oder ich studiere historische und für die Rezeptionsgeschichte bedeutende Aufnahmen, nicht nur von Wagners Werken. Außerdem spiele ich viel Klavier und genieße es, das Instrument wieder unter den Fingern zu haben. Auf diese Weise gewinne ich neue Impulse für meinen Beruf als Dirigent: Man versteht und hört noch besser, wenn man sich den Herausforderungen eines Werkes spielend, am Instrument nähert und sie technisch durchdringt. Davon abgesehen habe ich natürlich auch meine Familie um mich: zwei kleine Kinder, die ohne Kindergarten und Schule beschäftigt werden wollen. Da geht es uns gerade wie den meisten Eltern. Unserer älteren Tochter haben wir im Homeschooling innerhalb von nur zwei Wochen das Lesen beigebracht. Das war ein sehr schöner Moment! Zudem haben wir das Glück, am Käfertaler Wald zu wohnen, wo man sehr schön Fahrrad fahren oder spazieren gehen kann.

 

Welche Musik hören Sie in dieser erzwungenen Stille?

 

Im Moment höre ich noch immer besonders Tristan und Parisfal, wenn auch mit etwas mehr Wehmut als sonst. Ich merke, wie sehr ich die Arbeit vermisse. Andererseits habe ich in dieser Zeit auch einen neuen Zugang zu den Werken gewinnen können: Ich höre die Musik, die ich dirigiere, nun mit weniger Druck und ohne das Gefühl zu haben, Gehörtes sofort umsetzen oder für Proben und Einstudierung nutzbar machen zu müssen. Aber ich habe nicht nur Wagner im Ohr – wenn man Kinder hat, dauert es üblicherweise nicht lang, bis man Frozen hören muss. Ich glaube, ich könnte die Songs von Anna und Elsa mittlerweile ziemlich gut nachsingen.

 

Was kann Musik in der Krise?

 

Es ist kein Zufall, dass viele bedeutende Werke in der Not komponiert worden sind. Man ist mit existenziellen Problemen und den Axiomen des Urmenschlichen konfrontiert: Was bedeutet Menschsein? Was ist in meiner Seele, was will ich zum Ausdruck bringen? Auf diese drängenden Fragen kann Musik Antworten geben – und gerade in Krisenzeiten hören wir wieder aufmerksamer zu.

 

Was denken Sie: Wie wird die Kulturlandschaft, insbesondere die Klassikszene, nach der Krise aussehen?

 

Ich glaube an Kunst, an Oper und Musik. Und wie sehr unsere Gesellschaft die Künste braucht, machen gerade solche Krisenzeiten deutlich. Wir werden über Strukturen nachdenken und uns sehr konkret auch mit den wirtschaftlichen Folgen auseinandersetzen müssen. Man wird in vielen Bereichen neu denken und kreative Wege des Umgangs finden müssen. Grundsätzlich aber besteht ein Konsens darüber, dass die existierende, großartige Musikkultur erhalten werden muss. Das empfinde ich als ein großes Glück, besonders auch wenn man die Lage mit anderen Ländern vergleicht.

 

Was gibt Ihnen Hoffnung?

 

Meine Familie, das Wissen, mein Orchester im Rücken zu haben, die Verbundenheit mit unserem Publikum – all das gibt mir Stärke. Nach vier Spielzeiten in Mannheim sind dieses wunderbare Orchester und das Mannheimer Publikum wie eine zweite Familie für mich geworden und ich kann es kaum erwarten, bis wir wieder zusammenkommen dürfen. Diese Vorfreude auf die nächste gemeinsame musikalische Erfahrung, die mit Sicherheit ein ganz besonderes Erlebnis werden wird, gibt mir Hoffnung.

 

Foto: Alexander Soddy © Christian Kleiner